Matthias Flügge, Kunstwissenschaftler, Kurator und Rektor HfBK Dresden
Katalog "Junge Malerei aus Berlin" 2005
 
Kürzlich las ich, der röhrende Hirsch sei wieder da, das auferstandene 19. Jahr-hundert bedrohe unseren zeitgenössischen Diskurs. In der Tat. Ingmar Bruhn malt Tiere. Auch Hirsche. Daneben hundeähnliche Geschöpfe, Schweine und Vögel und alles in Serie. Auch kommt Erich Honecker vor, mit beigefarbenem Jackett, umrahmt von Himmelblau, die ewige Erscheinung in Amtsstuben der verflossenen DDR.

Das ist Ingmar Bruhns Thema: die Bilder, die wir von den Bildern haben, die Archetypen von banalen politischen wie romantischen Ikonografien. Das ist an sich nichts neues, schon lange wildert die Kunst im Geröll unserer unterbewussten Bild-Vorräte. Doch Bruhn macht daraus veritable Malerei. Das Motiv tritt in den Hintergrund, manchmal kann es sich kaum behaupten gegen den Lavastrom gesättigter Farbmaterie. Man sieht ein abstraktes Bild, gemalt mit Kraft und Delikatesse. Und wenn man dann eindringt ins lichtlos fleckhafte Dickicht der Leinwand, dann steht da ein Hund.

Bruhns Malerei entsteht längst nicht so spontan, wie es aussieht. Er arbeitet lange an den Bildern in verschiedenen Stadien des Verbergens und des Zum-Vorschein-Kommens des Motivs und immer vom Hellen zum Dunklen hin. Dieser Vorgang schafft die Dichte der Malerei, die sich zu den Rändern hin auflöst und meist in der Mitte ihren Schwerpunkt hat, was die Bilder bei aller Expressivität der Binnenform zu statuarischer Ruhe bringt.