Ulrich Kavka, Kunstwissenschaftler
Katalog "Fünf Positionen der Gegenwart in Mecklenburg-Vorpommern"
Kunstpreis der Mecklenburgischen Versicherungsgruppe für Bildende Kunst 2010
 
Farbe über Farbe - die Genesis eines Malers
Nur aufgrund unserer allgemeinen Erfahrungen könnten wir beiläufig voraussetzen, dass die Tafelbilder von Ingmar Bruhn - wie üblicherweise - reglos und ebenbürtig synchron an den Wänden hängen. Doch namentlich in diesem Falle offenbart ihr künstlerisch-genetischer Code, über den bloßen physikalischen Anschein hinaus, einen eigensinnigen Aufruhr von Farben, der Flächen und Räume mit elementarer Wucht aus ihrem statischen Gefüge zu drängen scheint.

Durchaus freiwillig einer derart turbulenten Suggestion ausgeliefert, können wir uns nahezu traumversunken den Akkorden der furiosen Klangfelder und Formstrukturen hingeben. Und weit über erkennbare Gestalten, Motive und Sujets der Kreatur-, Menschen- und Landschaftsvariationen hinaus erinnern wir uns auch an analoge Gleichnisse: an Himmels- oder Feuerstürme, an Dramen in unseren Seelen, an den Rausch glücklicher, unwiederholbarer Zusammentreffen... Während des Schauens hören wir vielleicht symphonische Fragmente oder poetische Wortkaskaden, denken an alltäglich außergewöhnliche Lebensumstände und unterliegen eigentlich auf ganz natürliche Weise der Reizung unserer nichtvisuellen Sinnesbereiche.

Wir dürfen daher in diesen Momenten getrost daran glauben, solche Malerei sei die vielseitige, einzigartige und zugleich einmalige Einstellung, welche humane Wahrnehmungen und Empfindungen fokussiert. Sehen für Sehende, Augenblicke um Augenblicke. Und die Bilder sind der Ertrag des Malers. So bekundet, ist es nicht abwegig, dass sich auch seine Werke in den Betrachter hineindenken. Kontemplation und Rückstrahlung im beseelten Wechselspiel von Annäherung, Austausch und - mit aufrichtiger Besinnung - hin vielleicht zu geistiger Verwandtschaft. Wenn der stilistische Begriff "à la prima " eine vehemente und eindringlich malerische Demonstration benötigt, dann findet sich diese in den Bildern von Ingmar Bruhn!

Ganze Farbenkonvolute, beinahe in verschwenderischer Fülle, landen scheinbar rasch auf der Leinwand, füllen zügig die Poren des Malgrundes, um schnell von der fragmentarischen Anlage zu jener Gestaltintensität zu gelangen, die ihm seine Absicht vorgezeichnet hat. Ohne Zweifel, das Denken ist ein wichtiger "Blickgefährte" des Künstlers. Der Maler Ingmar Bruhn bewegt sich auf seinen Wegen auffällig tatkräftig: Er ist schon lange kein Anfänger mehr! Und er ist noch längst kein Frühvollendeter! Indessen bezeugt das professionelle Naturell eine Überfülle schöpferischer Reserven... Ja, es scheint vielmehr, dass die zukünftigen Bilder "die Vorbilder überwältigen". Alle Anzeichen deuten darauf hin, denn es sind vor allem die formbeherrschten Farben, die wie Sturmlichter in die Zukunft strahlen, Echolote auch voller malerischer Phantasie.

Sein Künstlerleben ist keines auf den ersten Blick, eher wohl eines der persönlichen, völlig uneitlen Zurücknahme. Doch er weiß von Dingen, die uns allen unbekannt sind.